ESG im Unternehmen

Von der kostenintensiven Inselbetrachtung zur redundanzarmen holistischen ESG-Lösung

ESG-Ratings

ESG-Regularien zielen darauf ab, Finanzströme in nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten zu lenken, um damit am Motor der Wirtschaft (Finanzierung) anzusetzen. Die Weichen dafür stellt die Sustainable Finance Disclosure Regulation, kurz SFDR. Ziel ist es das globale Wirtschaftssystem sozial-ökologisch, und damit nachhaltig zu transformieren, um Wohlstand und Wirtschaftswachstum innerhalb der planetaren Grenzen zu sichern und zu erzeugen. Damit die Finanzströme tatsächlich bei den nachhaltigen Firmen ankommen bewertet man Unternehmen nach sogenannten ESG-Ratings, welche von Ratingagenturen auf Basis veröffentlichter Unternehmensinformationen gebildet werden.

Nachhaltigkeitsberichterstattung und Glaubwürdigkeit

Dazu gehören die Analyse von Nachhaltigkeitsberichten (CSRD-Berichtspflicht) der Unternehmen selbst sowie Interviews mit den zu bewertenden Unternehmen. Zusätzlich werden Pressedatenbanken und öffentlich zugängliche Informationen ausgewertet. Ratingagenturen kooperieren auch mit Stakeholder-Unternehmen wie Gewerkschaften, um zusätzliche Informationen zu erhalten. Die ESG-Ratings werden im Vergleich zu Wettbewerbern analysiert, ebenso wie die Risikomanagement-Fähigkeiten der Unternehmen. Bisher ist jedoch in vielen Fällen die Aussagekraft des ESG-Ratings anzuzweifeln, wie zum Beispiel der Corporate Climate Responsibility Monitor zeigt. Im April 2023 ergab ein Bericht von EY, dass zwar 78% der FTSE 100-Unternehmen das Ziel gesetzt hatten, bis 2050 CO2-neutral zu werden, jedoch nur 5% "glaubwürdige" und ausreichend detaillierte Übergangspläne veröffentlicht hatten.

Nachhaltigkeitsaussagen

Dass ein Unternehmen am Ende sicher als nachhaltig eingestuft werden kann, soll zukünftig durch die EU-Green-Claim-Directive abgesichert werden. Die Richtlinie verbietet in der EU die Verwendung bestimmter unbegründeter allgemeiner Nachhaltigkeitsaussagen wie "umweltfreundlich" und "natürlich", sowie Aussagen wie "klimaneutral", die auf Emissionsausgleichsregelungen beruhen. Diese Richtlinie ist Teil eines größeren EU-Maßnahmenpakets, zu dem auch die Verordnung über die Gestaltung nachhaltiger Produkte (Ecodesign for Sustainable Product Regulation – ESPR), die vorgeschlagene Richtlinie über umweltgerechte Angaben und die Richtlinie über das Recht auf Reparatur (EU-Right-to-Repair) gehören. Unter die ESPR fällt der Digitale Produktpass (EU Digital Product Pass – DPP), der das Ziel hat für eine transparente Lieferkette der hergestellten Produkte zu sorgen. Der Digitale Produktpass ist eng verbunden mit der Product Environmental Footprint (PEF) Initiative der Europäischen Kommission. Im Rahmen der neuen EU-Ökodesign-Verordnung, die Teil der Sustainable Products Initiative (SPI) der EU ist, wird der DPP eingeführt. Ziel der SPI und des DPP ist es, die Wiederverwendung und das Recycling von Produkten am Ende des Lebenszyklus zu ermöglichen und zu erleichtern. Der PEF ist ein standardisiertes Verfahren zur Berechnung und Kommunikation der Umweltauswirkungen von Produkten über den gesamten Lebenszyklus. Der DPP soll Informationen über die Zusammensetzung, Reparierbarkeit, Ersatzteile und fachgerechte Entsorgung eines Produkts bereitstellen. Damit wird sichergestellt, dass Nachhaltigkeitsaussagen auf einer standardisierten Berechnungsmethodik basieren. Diese Berechnungsmethodik nennt sich Life Cycle Assessment, kurz LCA.

Chief Sustainability Officer

Aufgrund dieser Herausforderungen für KMU im Kontext von ESG und der sozial-ökologischen Transformation der Wirtschaft ist es aus strategischer Sicht ratsam, trotz knapper Ressourcen in KMU eine eigenständige ESG-Abteilung zu implementieren. Zum Jobprofil gehören demnach die in der folgenden Tabelle beschriebenen Aufgaben:

Bereich Aufgaben
Sicherstellung der ESG-Compliance
  • ESG-Rechtskataster
  • ESG-Compliance Feed-System
  • Überwachung und Anpassung
Überwachen und Berichten über ESG-Datenanalyse
  • Datenerfassung, Analyse, Reporting
  • Etablieren relevanter Metriken und KPIs
  • Maßnahmen & Wirksamkeitsprüfung
ESG-Strategie- und Portfolio Überwachung für nachhaltige Lösungen
  • Nachhaltigkeitszielsetzung & Strategieentwicklung
  • Anpassen an bisherige Strategien
Verwaltung der Stakeholder-Beziehungen
  • Stakeholdergruppen iterativ identifizieren
  • Stakeholder-Kommunikation
Umsetzung der Nachhaltigkeit
  • Operative Umsetzung
  • Prozessintegration
Forschung und Entwicklung
  • Regulatorik
  • Wissenschaft
  • Finanzen

Regulatorischer Überblick

Ob nun Chief Sustainability Officer, Nachhaltigkeitsbeauftragte:r oder ESG-Manager:in, die Aufgabenfelder im Nachhaltigkeitsbereich sind komplex und vielseitig. Zum Aufbau eines fundierten Nachhaltigkeitskonzepts ist es von zentraler Bedeutung, frühzeitig eine LCA-basierte Datenerfassung zu implementieren, um größere Revisionen in der Softwarearchitektur zu vermeiden. Nur so lassen sich die gewünschten Synergieeffekte über die relevanten regulatorischen Rahmenwerke kosteneffizient erzielen. Im Kontext der EU Green Claim Directive wird es auch für Unternehmen unumgänglich sein ihre Nachhaltigkeitsaussagen auf LCA-Methoden zu stützen. Dies wird unweigerlich auch die Basis für nachhaltigkeitsbezogene Aussagen im CSRD-Report betreffen.

Legislative & Compliance

ESG-Richtlinien / Gesetzesinitiativen Environemnt Social Governance
REACH, RoHS, POP, ElektroG, KrWG, GewAbfV, WEEE, Eeg, GEG, WHG, AwSV, BimSchV
Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR)
Das Energieeffizienzgesetz (EnEfG)
EU Green Claims Directive
Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG), Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD)
Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD)
EU Taxonomy
Sustainable Development Goals (SDGs)
Organisation Environmental Footprint (OEF)
Science Based Targets
Circular Economy Plan
Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR)
Digitaler Produktpass
Product Environmental Footprint (PEF)
Environmental Product Declaration (EPD)
Construction Products Declaration (CPR)
Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM)
EU - "Right to Repair"
Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk)

ESG Synergien bei der Umsetzung

Der Datensatz, welcher zur Risikoanalyse des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes verwendet wird, kann hierbei auch direkt für die Berechnung der Product Environmental Footprints verwendet werden. Ebenso kann die Bewertungsmethodik der Risikoanalyse auch als Grundlage für das Risikomanagement dienen. Der Global Risk Report des WEF aus dem Jahr 2023 zeigt klar auf, dass Unternehmen sozial-ökologische Aspekte in ihrer vorgelagerten Lieferkette identifizieren und auf Chancen und Risiken bewerten sollten, um Disruptionsgefahren frühzeitig zu erkennen.

Der Mechanismus zur CO2-Grenzanpassung (CBAM) könnte auch Risiken für Unternehmen mit sich bringen. Die vom CBAM erfassten Produkte sind Aluminium, Eisen und Stahl, Düngemittel, Strom, Zement und Wasserstoff. Dies bedeutet, dass zunächst die Mengen erfasst werden müssen, die Unternehmen auf Organisationsebene abrufen. Dies kann über eine entsprechende Massenbilanz für die CBAM-Materialien erreicht werden. Im Allgemeinen besteht der Anreiz dieser gesetzgeberischen Initiative darin, die aufgrund der durch CO2-Preise verursachten Kostensteigerung ausgelagerten wirtschaftlichen Aktivitäten zu besteuern, damit ein grenzüberschreitender Ansatz für umweltbewusste Produktion und umweltbewusste Materialien und Komponenten gegeben ist. Diese sogenannten emissionsintensiven und handelsexponierten (EITE) Güter müssen zunächst im Rahmen der Wertschöpfungskette über alle Materiallisten identifiziert und unter Berücksichtigung des Herkunftslandes quantifiziert werden. Des Weiteren erkennt die EU-Green-Claim-Directive die Bedeutung des Umweltmanagements (UMS) und des Umweltgutachtensystems (EMAS) an, das durch spezifische Referenzdokumente gestärkt wird. Für Unternehmen mit einem bereits etablierten UMS nach ISO 14001 wäre eine EMAS-Auditierung mit relativ wenig Aufwand verbunden. Die EMAS-Referenzdokumente beschreiben bewährte Verfahren zur Umsetzung eines EMAS-Umweltmanagementsystems auf Unternehmensebene. Die Methodik zur Datenerhebung ähnelt dem Organisationsumwelt-Fußabdruck (OEF). Die Datenerhebungsmethode nach EMAS gemäß dem sektorspezifischen Referenzdokument kann vollständig in die OEF-Methodik integriert werden. Daher würde eine Kombination aus EMAS auf Managementebene und der OEF/PEF-Methodik auf Datenebene den besten Ansatz in Bezug auf wissenschaftliche Gültigkeit, Bedeutung und zukünftige Rechtssicherheit in Bezug auf Green Claims darstellen. Wenn der Umgang mit Datentransparenz und Datenqualitätsbewertung hinsichtlich Unsicherheiten korrekt erfolgt, können Ergebnisse erzielt werden, die tatsächlich einen Mehrwert für die Produktentwicklung und den Innovationsgrad eines Unternehmens darstellen.

Der Großteil der Nachhaltigkeitsaspekte ist in den Materialien und Komponenten enthalten, also in der vor- oder nachgelagerten Lieferkette. Im Vergleich dazu sind beispielsweise Geschäftsreisen, Pendeln von Mitarbeitenden oder nachgelagerter Transport statistisch irrelevant.

Der Fortschritt in Sachen Nachhaltigkeit muss aus Innovationen im Produktdesign und im Supply-Chain-Management kommen. Dafür benötigen Manager:innen Einblick in jedes Element eines Produkts und seinen Fußabdruck über seinen gesamten Lebenszyklus und die Wertschöpfungskette hinweg, inklusive sozialer Risiken. Ohne Analysen auf der Produktebene können die vielen kleinen Innovationen im Produktdesign und im Supply-Chain-Management, die kumulativ zu nachhaltigem Fortschritt führen, nicht erreicht werden. Hierfür ist die Umsetzung des LkSG im Kontext der kommenden CSDDD und aller weiteren regulatorischen Maßnahmen im Zusammenhang mit ESG ein fundamentaler erster Schritt, der im weiteren ESG-Aufbau bei Unternehmen taktisch und strategisch gut genutzt werden kann.