PCF, LCA, EPD, PEF - Was ist was
Welche Methode Sie wann wirklich brauchen

Wer im Mittelstand zum ersten Mal „Footprint“ auf den Tisch bekommt, stolpert schnell über Begriffe, die ähnlich klingen, aber sehr unterschiedliche Zwecke haben. Dieser Überblick trennt sauber: Was ist was? Wofür nutzt man es? Und was erwarten Kunden und Regulatorik typischerweise?

Kurzdefinitionen

PCF (Product Carbon Footprint)

Ein PCF beziffert die Treibhausgasemissionen eines Produkts über definierte Lebenszyklusphasen als CO₂e (z. B. cradle-to-gate) nach einer LCA-Logik. Er ist kein „vollständiger Umweltfußabdruck“ (mehrere Wirkungskategorien), sondern fokussiert auf Klimawirkung – und muss deshalb Systemgrenzen, Annahmen und Datenqualität sauber dokumentieren.

LCA (Life Cycle Assessment / Ökobilanz)

Eine LCA bewertet die potenziellen Umweltwirkungen eines Produkts/Systems über den Lebensweg (je nach Scope, z. B. cradle-to-gate oder cradle-to-grave) in mehreren Wirkungskategorien und folgt einem definierten Prozess (Goal & Scope, Inventar, Wirkungsabschätzung, Interpretation). Sie ist nicht automatisch „cradle-to-grave“ – die Systemgrenze wird im Scope festgelegt und muss begründet werden.

EPD (Environmental Product Declaration)

Eine EPD ist eine Typ-III-Umweltdeklaration: ein standardisiertes Dokument, das LCA-Ergebnisse nach Programmregeln und Produktkategorie-Regeln (PCR) in einem festgelegten Format veröffentlicht (typisch mit externer Verifikation). Sie ist kein frei gestaltbares Nachhaltigkeits-PDF, sondern an PCR, Programmanforderungen und Prüfregeln gebunden.

PEF (Product Environmental Footprint / EU Environmental Footprint)

PEF ist die von der EU empfohlene LCA-basierte, multikriterielle Methode zur Bewertung des Umweltfußabdrucks von Produkten – mit dem Ziel höherer Vergleichbarkeit innerhalb einer Produktkategorie durch detaillierte methodische Vorgaben. PEF ist nicht „nur CO₂“, sondern nutzt die EU-Environmental-Footprint-Methodik (EF) und wird durch PEFCRs (Category Rules) inhaltlich „zugeschnitten“.

Vergleichstabelle: PCF vs. LCA vs. EPD vs. PEF

MethodeWofür genutzt?Typischer OutputSystemgrenzen (typisch)Datenbedarf (typisch)Prüf-/Review-LogikStandards/Regelwerke (typisch)Wer fragt danach?
PCFKlimawirkung eines Produkts beziffern; Lieferkette/Scope-3-Datenaustausch; Produktvergleich nur mit gleichen RegelnCO₂e-Wert + Methodik-/Daten-Metadatenhäufig cradle-to-gate (Industrie/Lieferkette)BoM/Material, Energie/Prozess, Transporte, Lieferanten-Daten; Sekundärdaten wo nötighäufig Plausibilitäts-/Assurance-Ansätze je nach KundenanforderungISO 14067 (baut auf ISO 14040/44); Austausch/Interoperabilität oft via PACT/Catena-X in der Praxis.OEMs, Kunden in Lieferketten, Einkauf, Nachhaltigkeit/Controlling (ISO)
LCAHotspots verstehen; Produkt-/Prozessoptionen bewerten; Umweltwirkungen über mehrere KategorienWirkungsprofil (mehrere Impact-Kategorien) + Interpretationje nach Ziel gate-to-gate / cradle-to-gate / cradle-to-gravewie PCF, aber breiter (mehr Flüsse/Impact-Kategorien), stärkerer Fokus auf Konsistenzbei externen/vergleichenden Aussagen oft kritischer Review (praxisüblich)ISO 14040 (Rahmen) + ISO 14044 (Anforderungen/Guidelines).Entwicklung, Produktion, Nachhaltigkeit, Kunden bei tieferen Umweltfragen (ISO)
EPDVergleichbare Deklaration im Rahmen eines EPD-Programms (oft Bau/Planung/Ausschreibung)Programm-konformes EPD-Dokumenti. d. R. festgelegt durch PCR/Programmregeln (häufig cradle-to-gate, je nach Produktgruppe)LCA-Daten + Programmdaten (z. B. Datensätze, Szenarien)typischerweise Verifikation nach Programm-/PCR-RegelnISO 14025 (Typ-III-Rahmen, PCR-Logik); im Baukontext zusätzlich ISO 21930.Bauherren, Planer, DGNB/BNB-Kontexte, Ausschreibungen im Bauwesen (ISO)
PEFVergleichbarkeit/Standardisierung für Produktkategorien (EU-Kontext, potenziell für Labels/Anforderungen)Multi-Impact-Ergebnis nach EF-Methodik, ggf. PEFCR-konformstark durch Methode/PEFCR geprägt (vergleichbar statt flexibel)ähnlich LCA, aber preskriptiver (Daten-/Modellregeln, Impact-Methodik EF)methodische Konformität zu Empfehlung/Annexen und ggf. PEFCR-VorgabenEU Recommendation 2021/2279 (EF-Methoden); JRC-EF/PEF-Dokumentation; PEFCR-Anforderungen (Annex).EU-Programme/Initiativen, große Kunden, Brancheninitiativen, perspektivisch Regulierung (EUR-Lex)

Wann brauche ich was? – 4 typische Industrie-Szenarien

Szenario 1: Kundenanfrage/OEM (“Wir brauchen einen PCF pro Teil.”)

Empfehlung: Starten Sie mit PCF (cradle-to-gate) nach ISO 14067 und klären Sie die Austauschlogik (Format/Metadaten).

Begründung: Lieferketten fragen meist produktbezogene CO₂e-Werte an – inklusive Scope, Datenqualität und Nachweislogik.

Stolperfallen:

  • Vergleichbarkeit fehlt ohne abgestimmte Regeln (Scope/Allokation/Datensätze).
  • „Eine Zahl“ ohne Metadaten (Systemgrenze, Datenqualität, Zeitraum) ist praktisch nicht nutzbar.

Szenario 2: Ausschreibung („Nachweis muss prüfbar und vergleichbar sein.“)

Empfehlung: Nutzen Sie LCA oder PCF – aber nur in einer vergleichbaren Regelwelt (PCR/PEFCR/programmgebunden) und mit klarer Review-/Assurance-Logik.

Begründung: Ausschreibungen wollen weniger „Methodendebatten“, sondern prüfbare Nachweisketten und konsistente Annahmen.

Stolperfallen:

  • Unterschiedliche Systemgrenzen (cradle-to-gate vs. andere) machen Angebote unvergleichbar.
  • Fehlende Dokumentation/Versionierung → Ergebnis ist im Audit kaum zu verteidigen.

Szenario 3: Produktentwicklung/Innovation („Wo sind die Hotspots – und was bringt Variante B?“)

Empfehlung: Führen Sie eine LCA (oder eine LCA-basierte Hotspot-Analyse) durch, um Treiber über mehrere Umweltkategorien zu sehen.

Begründung: Für Design-Entscheidungen ist CO₂ oft wichtig, aber nicht immer ausreichend (Material, Energie, Toxizität-/Ressourcenthemen können relevant sein).

Stolperfallen:

  • Zu frühe Detailtiefe: Erst Hotspots identifizieren, dann Daten gezielt verbessern.
  • Unklare funktionelle Einheit → Varianten werden falsch verglichen.

Szenario 4: ESG/CSRD-Kontext („Was hilft für Berichtspflichten – und was nicht?“)

Empfehlung: Sehen Sie PCF/LCA als Input (v. a. für bessere Scope-3-Daten und Produkttransparenz), aber nicht als Ersatz für die Unternehmensberichterstattung.

Begründung: CSRD/ESRS adressieren Unternehmenspflichten (u. a. Emissionen in der Wertschöpfungskette); produktnahe Daten können die Datenbasis verbessern – lösen aber nicht automatisch Governance, Wesentlichkeit und Reportinglogik.

Stolperfallen:

  • Produkt-PCF wird fälschlich als „fertige CSRD-Lösung“ verstanden.
  • Scope-3-Daten ohne Lieferanten-/Primärdaten bleiben oft grob (typische Praxis).

Missverständnisse & Stolperfallen (Top 4)

  • PCF ≠ „nur eine Zahl“
    Ein PCF braucht Kontext: Systemgrenze, Datenquellen, Allokationsregeln und Annahmen sind Teil der Aussage – sonst ist er nicht prüfbar oder vergleichbar.
  • PEF ≠ „nur CO₂“
    PEF ist multikriteriell (Environmental Footprint) und explizit als LCA-basierte Methode zur Messung/Kommunikation der Umweltleistung von Produkten angelegt.
  • Vergleichbarkeit braucht Regeln (PCR/PEFCR)
    Ohne Produktkategorie-Regeln bleibt zu viel Interpretationsspielraum; deshalb existieren PCR (EPD-Welt) und PEFCR-Anforderungen (EU-EF/PEF-Welt).
  • Ohne Versionierung, Datenqualität und Belege wird es nicht auditfähig
    Auditfähigkeit entsteht nicht im Ergebnisdiagramm, sondern in der Nachweiskette: Input-Versionen, Datensatz-Versionen, Freigaben und dokumentierte Regeln. (typische Praxis; ISO verlangt konsistente Dokumentation und Interpretation.)

Mini-Guide: So starten Sie effizient (5 Schritte)

  1. Produkt/Produktfamilie wählen
    Nehmen Sie das Produkt mit dem höchsten Kunden-/OEM-Druck oder dem größten Material-/Energiehebel.
  2. Systemgrenze definieren (typisch cradle-to-gate)
    Schreiben Sie in einen Satz: „Wir berichten von Rohstoff bis Werkstor – Zeitraum X – Werk Y – Version Z.“
  3. Datensilos klären (ERP/PLM/MES/Energie/Lieferanten)
    Listen Sie pro Datendomäne Quelle + Owner + Updatefrequenz (eine Seite reicht für den Start).
  4. Datenqualität bewerten & Gaps dokumentieren
    Trennen Sie „haben wir“ vs. „ist belegbar“ vs. „ist nur Schätzung“ – und priorisieren Sie Hotspots zuerst.
  5. Iterativ verbessern (Hotspots → bessere Daten)
    Erste Ergebnisse sind selten perfekt – aber sie zeigen, wo Primärdaten (Messung/Lieferanten) den größten Effekt auf Belastbarkeit haben.

Wenn Sie nach diesem Überblick direkt hands-on prüfen möchten, welche Anforderungen und Nachweise in Ihrem konkreten Fall relevant sind, lohnt sich ein Blick auf unsere Checklisten: Dort stellen wir kostenlose, branchenneutrale Checklisten zum Download bereit – u. a. zu LCA (ISO 14040/44), PCF (ISO 14067), PEF, PACT und Catena-X. Damit können Sie intern strukturiert klären, welche Systemgrenze passt, welche Datenquellen benötigt werden und welche Dokumentation/Review-Logik für auditfähige Ergebnisse erwartet wird – bevor Sie in Tooling oder Projektaufwand einsteigen.

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